Filmkritik

Filmkritik: Send Help (2026): Gelingt die Mischung aus Survivalhorror und Comedy?

today16. Februar 2026 148

Hintergrund
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Sam Raimi versucht sich im Survival(horror?)genre

In Send Help endet eine Geschäftsreise auf tragische Weise: Die Maschine stürzt über dem Meer  ab und plötzlich sehen sich die einzigen Überlebenden, die Büroangestellte Linda Liddle und ihr Vorgesetzter Bradley Preston mit einem Überlebenskampf konfrontiert. So wird plötzlich die Hierarchie zwischen den beiden neu geordnet. Auch soll Preston schnell merken, dass die Tücken der Natur nicht die einzige Bedrohung ist, mit der er sich konfrontiert sieht. 

Bisher bot das neu begonnene Filmjahr zumindest für meinen Geschmack wenig Ansprechendes. The Housemaid steht bei mir immer noch auf der Bucketlist und soll offenbar der erste große Kinoerfolg in 2026 werden. Die Vermarktung von Send Help versprach, etwas Abwechslung vom sonstigen Mainstreamkino, also gehe ich enthusiastisch in Send Help.

Erste Infos und das Cover wirken erstmal vielversprechend: Die martialisch in Szene gesetzte Rachel McAdams  vor dem Hintergrund einer düsteren Inselkulisse. In der einen Hand ein Messer, in der anderen ihr Dienstausweis. Genretechnisch wurde das Ganze vom Verleiher unter anderem als Horror verortet, was erst einmal neugierig machte, wie konkret Sam Raimi wohl das Horror- mit dem Survivalfilmgenre verweben sollte.

Die amerikanische Bürohölle

Durchaus unüblich ist der inhaltliche Schwerpunkt von Send Help. Denn wer Etwas in Richtung Cast Away oder The Beach erwartet, wird enttäuscht sein: Im Mittelpunkt der Handlung steht das Verhältnis zwischen der Büroangestellten Linda Liddle zu ihrem  tyrannischen Boss Bradley Preston. Letzterer hat erst vor kurzem ihre Arbeit für sich vereinnahmt und unter anderem dadurch eine  Beförderung erhalten. 

Der recht lange Prolog soll uns einen Einblick in die Charaktere in Send Help geben. Als Deutscher wirkt die Darstellung des US-amerikanischen Corporate Büroalltags ja ohnehin etwas befremdlich und absurd. So wie die Figuren und das Arbeitsumfeld der Protagonistin jedoch überdreht werden, ohne so wirklich auf den Punkt zu kommen, fühlt man sich als Zuschauer eher an The Office oder in einen Saturday Night Live Sketch zurückversetzt.

Aus US-Filmen kennt man ja diese Arbeitswaben, schlecht sitzenden Hemden und Krawatten, Hosenträger und die berühmten Kartons (inklusive Bürokaktus) die den gefeuerten Mitarbeitern in den Arm gedrückt werden, bevor die Kamera einen Close Up auf den sich schließenden Fahrstuhl gibt. 

Wenn man gewisse Settings bereits jahrzehntelang in Filmen gesehen hat, dann erwarte ich von einer neuen Veröffentlichung, dass dieser der Darstellung des amerikanischen Corporate-Büroalltags einen neuen Dreh gibt oder irgendeine Ebene hinzufügt, die es bislang so im Genre noch nicht gab. Doch für was entscheidet sich Send Help? Das exakte Gegenteil.

Figuren tief aus der Klischeekiste

Die männlichen Vorgesetzten werden als absolut unsympathische Dudebro-Douchebags charakterisiert. Mitsamt der an American Psycho erinnernden Föhnfrisuren, zu großem Hemd und den Hosenträgern habe ich das Gefühl, ich schaue eine Gen-Z-temu-Variante des in den letzten Jahren als Meme wieder populär gewordenen Christian Bale Thrillers.

Doch selbst Linda Little, mit der wir ja eigentlich sympathisieren sollen, wird in ihrer Rolle als graues, tollpatschiges Büromauerblümchen dermaßen überzeichnet, dass ich mich bereits in den ersten Szenen vom Gedanken verabschiede, irgendeine “realistisch” angehauchten Horror/ Survivalfilm zu sehen. Die Überzeichnung dieser Figur findet sich nicht nur in der klischeehaften, grau-pinken Pulloverkombination und Alte Damen Halskette wieder. Nein, die Protagonistin ist sogar so tollpatschig und für ihre Mitmenschen unangenehm, dass sie im Büro ihr stinkendes Thunfischsandwich isst, dieses in die Schublade stopft und beim Gespräch mit ihrem Vorgesetzten sogar noch ein Stück davon am Mundwinkel hängen hat, auf das die Kamera noch extra heranzoomt, um diesen Aspekt hervorzuheben.

Was mir neben dieser klischeeüberladenen Figurenzeichnung ebenso auffällt, ist diese seltsame, thematische Kombination: Linda ist zwar einerseits die begabte und fleißige Buchhalterin, wird also als Art Nerd beschrieben, gleichzeitig entspricht sie jedoch auch dem klassischen Catlady-Typus, der alleine zuhause auf dem Sofa sitzt und  die ganze Zeit Survivalshows(???) schaut. Vielleicht bin ich einfach nicht so mit den amerikanischen Archetypen von alleinstehenden Frauen vertraut, aber dieser Versuch, uns eine attraktive junge Frau irgendwie als Nerd-Catlady-Survivalshowfan verkaufen zu wollen, wirkt  unglaubwürdig. 

Das Konsumieren derartiger Survivalshows jedenfalls assoziiere ich ebenso viel mit Nerdtum wie den Beruf der Buchhalterin. Auch diese Andeutung einer vereinsamten und offenbar beziehungs- und kinderlosen Frau möchte sich nicht so recht ins Gesamtbild einfügen, welches sich anhand ihrer sonstigen Eigenschaften ergibt.

Diese Vorliebe Lindas für Survivalshows wurde, so scheint es, ohnehin nur dahingezweckt, um ihr irgendwie diese Entwicklung hin zur späteren Bezwingerin der Wildnis zu ermöglichen. 

Das Abenteuer auf der Insel beginnt

Damit auch ganz sicher keine Zweifel aufkommen, mit wem wir mitwurzeln sollten, sehen wir kurz vor dem Absturz noch eine Szene, in der Linda bereits erneut in ihrem Projekt und Laptop vertieft ist, während der männliche Rest der Reisegesellschaft lachend und feixend ein Video schaut, bei dem sich Linda als Fan der Survivalshow outet. 

Auch setzt sich das Patriarchat selbstredend über die Sicherheitsvorschriften hinweg. Einer der CEOs verlangt noch von Linda, dass diese ihm ihren Sitzplatz überlässt. Im Anschluss wird dieser aus dem Flugzeug geschleudert. Jedoch wird sein Tod durch eine Gabel verzögert, welche ihn samt seiner Krawatte an der Außenseite des Flugzeugs festtackert. Dann klatscht dieser mehrfach gegen das Flugzeugfenster, welches die erste skurril-bescheuerte Splatterszene des Films markiert. Physikalisch unmöglich, grottige CGI-Effekte und ein erneuter Shift in so eine komödienhafte Tonalität, wie ich sie irgendwie als deplatziert empfand. 

Dabei hätte ich gewarnt sein müssen: Auch in vorigen Horrortiteln zeigte Raimi seine Vorliebe für ausufernde und vulgäre Szenen, in denen wahlweise Blut und Übergebenes fontänenartig von den Charakteren ausgespeit werden. Als ich mich mit 2009 mit Kumpels in die Vorstellung von “Drag me to Hell” schlich, konnten wir uns vor Lachen bei diesen Szenen nicht mehr einbekommen, rund acht Jahre später blicke ich mich bei derartigen Szenen eher ungläubig im Kinosaal um.

Das Zusammenleben am Strand 

Ungeachtet dessen freute ich mich dennoch darauf, wie denn nun konkret die Konstellation zwischen den beiden Figuren ausgestaltet sein sollte, wenn sich diese im Überlebenskampf am Strand befinden. Doch die Chance, eine interessante, zwischenmenschliche Dynamik der beiden aufkommen zu lassen, lässt Send Help verstreichen.

Da es dem Skript dienlich ist, wird Bradley nicht nur direkt von Linda gerettet und beatmet, sondern auch in einem erstaunlich gut improvisierten Feldcamp wieder aufgepäppelt. Dieser ist also klar vom Wohlwollen Lindas abhängig, um über den langen Lauf hinweg zu überleben. Was ihn natürlich der Logik als eindimensionaler Douchebag-Charakter, als der er angelegt wurde, nicht daran hindert, Linda zu vergiften und einen misslungenen Fluchtversuch ohne sie zu starten. 

Diese wiederum bleibt über weite Strecken in ihrer Rolle als gutmütiges Naivchen gefangen und verzeiht Bradley immer wieder seine Undankbarkeit. Gleichzeitig entdeckt sie dann zwischenzeitig doch ihre Weiblichkeit und macht ihm sogar Avancen. Bis es ihr dann doch zu bunt wird und ihre Retourkutsche in einer angedeuteten (erneut ziemlich geschmacklosen) Kastrationsszene endet. Spätestens an dieser Stelle muss dann doch mal die 

politische Schlagseite

von “Send Help” angesprochen werden. Als bekennender Schuldiges Vergnügen Zuschauer von mittelmäßigen Horror- oder Nischentiteln erwarte ich ehrlich gesagt kaum, dass die gängigen Hollywoodnarrative großartig hinterfragt oder neu geordnet werden. Dieser klassische, boomereske Empörungsreflex läuft ohnehin ins Leere und jahrelanger Hollywood-Slopkonsum haben mich in dieser Hinsicht ohnehin abstumpfen und resignieren lassen.

Im Gegenteil war ich sogar leicht überrascht, dass wir mit Rachel McAdams eine weiße Amerikanerin in der Hauptrolle sehen. Und als Fa****l störe ich mich nicht an starken weiblichen Hauptfiguren. Dass es auch anders geht, bewiesen Samara Weaving in “Ready or Not”, dessen Sequel dieses Jahr startet oder Tie Wests X Trilogie, mit Mia Goth als Final Girl. Beiden Reihen gelingt es auch besser, Humor- und Horrorelemente zu verbinden, ohne die Gesamterzählung ins Lächerliche zu ziehen. 

Durch das Hören des Horrohr-Podcasts war ich in gewisser Weise vorgewarnt, welche Richtung Send Help einschlagen sollte.  Die Plumpheit, mit der am Ende dann das Narrativ des bösartigen und patriarchalen Mannes gezeichnet werden sollte, hat mich dann doch überrascht. Dieses krampfhafte Bedienen des Hollywood-Feindbildes des weißen Mannes in Führungsverantwortung lässt wenig Raum für irgendeine Ambivalenz. Auch verhindert diese Eindimensionalität  jegliche Charakterentwicklung. Denn um das Schwarz-Weiß-Narrativ nicht zu brechen, darf insbesondere Bradley nicht aus seinem Fehlverhalten lernen und probiert selbst nach der x-ten Chance, welche er von Linda erhält, diese zu hintergehen oder sogar zu töten.

Der Strandalltag (diesmal wirklich)

Aufgrund der ausführlich geschilderten, absurd-albernen Gesamtstimmung des Films wird es wenig überraschen, dass sich sich dichte Atmosphäre oder eine wirklich beklemmende Stimmung nicht so recht aufkommen möchte. Erstaunlich eigentlich, denn auch wenn das Szenario zweier Gestrandeter auf einer einsamen Insel nicht gänzlich neu ist, so wäre dieses dafür eigentlich prädestiniert. Einer dichten Atmosphäre ebenfalls nicht zuträglich ist die deutlich mit CGI-Effekten generierte Dschungelkulisse.. 

Der Kampf Mensch gegen Natur wird von Linda im Speedrun durchgespielt, da diese es schafft, binnen kürzester Zeit ein Camp am Strand zu errichten. Die gesamte Montage hat hierbei etwas von einem Cartoon-Sketch. Und viel mehr passiert im Grunde in der Kernhandlung des Films auch nicht. Die einzige Szene, welche uns ein Stück weit Dschungelfeeling transportiert,  ist Lindas Kampf gegen ein CGI-Wildschwein, welcher in einer Blutfontäne (Wie soll es anders sein?) und Szene endet, in der sie den abgetrennten Kopf des Wildschweins in ihrer neugewonnen Identität als toughe Powerfrau Bradley vor die Füße knallt. Go, Girl!

Das letzte Drittel und Showdown

Entweder muss ich meine eigene Hypothese, wir schauen hier eine wenig subtil verankerte Female Empowerement-Botschaft verwerfen oder das Skript von Send Help ist derartig unausgegoren und diffus, dass es gar keine sinnvolle Erklärung dafür gibt, warum Linda später selbst zum Bösewicht wird und die völlig unschuldige Verlobte von Bradley mitsamt ihres Touristenguides tötet, indem sie diese eine Klippe hinabstößt. 

Schafft es Send Help dann doch mal, einen Hauch von Horror zu erzeugen, dann liegt es an diesen fiebertraumartigen Sequenzen. Alleine die Wahrscheinlichkeit, dass die Verlobte beim Eintreffen auf der Insel zufällig von Linda bemerkt wird. Auch muss man bei der groteske Szene, in der die beiden über den schmalen Klippenstieg in den Tod geführt werden nicht nur aufgrund dessen lachen, dass man sich hier offensichtlich in einem Filmset befindet. Ein Stilmittel, welches ich zuletzt in “Sissy” gesehen hatte, sind die nahen Zooms in die Gesichter der sprechenden Personen. Dies und Lindas Albtraumszene legen zeitweise den Schluss nahe, der eigentliche Plottwist bestünde darin, dass beide kurz nach dem Flugzeugabsturz verstorben sind und die gesamte Geschichte nur Teil der Wahnvorstellungen Lindas waren, doch mithilfe ihrer Survivalskills triumphieren zu können, was ihr noch im Büroleben verwehrt geblieben war. 

Auflösung

Kurz vor dem finalen Kampf zwischen Linda und Bradley, in der er ein letztes Mal versucht, sie zu hintergehen (nur für diejenigen Zuschauer, die bis jetzt noch nicht verstanden haben, dass dieser ein bösartiger Patriarch ist), sehen wir den Grund, warum diese sich derartig gut mit frischen Lebensmitteln versorgen konnte. Das leerstehende Ferienhaus eines Brokers diente ihr als heimliches Versorgungslager. Zumindest diese eine hanebüchene Stelle im Skript wollten die Macher heilen. 

Am Ende versprüht Send Help dann nochmal diesen klassischen 90/2000er Trashhorrorfilmvibe: In der  finalen Szene stellt Linda ihr Buch in einer Talkshow vor, in dem sie die schrecklichen Ereignisse auf der Insel als einzige Überlebende verarbeitet hat.

Beim Aufstehen frage ich den Zuschauer ein paar Sitze weiter neben mir, ob nur ich mich an den Gesprächen des Paares in den Sitzplätzen weiter links gestört habe. Dieser wirkt ebenfalls resigniert und ich verlasse  den Saal. Selbst in der OV-Version ist man nicht mehr sicher.

Geschrieben von: kilianoreeves

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