Filmkritik

Filmkritik: The Running Man (2025) Kann Edgar Wrights Interpretation überzeugen?

today23. Dezember 2025 32

Hintergrund
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Während bei Streaminganbietern wie Netflix und insbesondere Apple TV+ fast ausschließlich Serien im Sci-Fi-Setting zu sehen sind, kommt mir das Thema im Kinojahr 2025 noch unverbraucht genug vor, um mir The Running Man im Kino anzuschauen (ja, die Messlatte hängt tief).

Die Ästhetik und Stimmung dieser Welt hatten in den 2010ern Titel wie Blade Runner 2049 mit Ryan Gosling trotz aller inhaltlicher Kritik visuell am besten eingefangen – und selbst das geschasste Ghost in the Shell bot rein ästhetisch und soundtracktechnisch einen Mehrwert.

Hauptproblem der ganzen Remakes, Remaster und Neuinterpretationen liebgewonnener Sci-Fi-Franchises der 80er und 90er Jahre, die nun mit Beginn der 2010er neu aufgelegt wurden, ist die absolute Seelen- und Ideenlosigkeit dieser Titel. Bis heute negativ in Erinnerung bleibt mir hier das unsägliche Total Recall-Remake mit Colin Farrell aus dem Jahr 2012. Die Parallele zu Running Man dürfte offensichtlich sein, da beide Titel originär mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle besetzt wurden und bis heute als absolute Klassiker des Genres gelten.

Nun wäre es wohlfeil, über Sinn und Unsinn derartiger Remakes zu debattieren, da bei der Entstehungsgeschichte wohl kaum cineastische Motive den Ausschlag gegeben haben werden, einen Titel mit derartigem Kultstatus wieder neu aufzulegen. Dennoch wundert man sich als Zuschauer, wer konkret eigentlich die Zielgruppe dieser drögen und harmlosen Bubblegum-Sci-Fi-Actionfilme gewesen sein soll. Fans des Originals werden sich von den glattgebügelten Neuauflagen wohl kaum von ihrem Purismus abbringen lassen, und die nachrückende Generation hat längst ihre eigenen, liebgewonnenen Franchises. Und wenn dann doch so wenig Originelles und aus heutiger Perspektive bissige Gesellschaftskritik hinzugefügt wird: Warum genau möchte man dann unbedingt diese bestehende IP von The Running Man verwenden?
Freunde von Kings Romanvorlage betonen, dass die Edgar-Wright-Version sich näher ans Original halten würde – was nicht gerade mein Interesse steigert, dieses jemals lesen zu wollen. Im Jahre 1982 wird Stephen Kings The Running Man auch eine beißende Gesellschaftskritik gewesen sein. Im Jahre 2025 hingegen wirkt das Ganze so bissig und aktuell, als würde in diesem Jahr eine Super Size Me-Doku erscheinen, die uns erzählt, dass der Dauerkonsum von McDonald’s-Slop tatsächlich ungesund ist.

In einer Zeit, in der das Fernsehen faktisch außerhalb einer älteren Zielgruppe überhaupt keine Rolle mehr spielt, wirkt eine Filmdystopie mit dem Narrativ, das in The Running Man bespielt wird, fast schon lächerlich. In den 80er Jahren – also lange vor der flächendeckenden Verfügbarkeit des Internets auf Mobilgeräten – war dies offenbar die Angst der Menschen, die von der Kreativindustrie kanalisiert wurde: Die mächtigen und bösartigen Firmen werden uns mithilfe eines eindimensionalen Unterhaltungsgeräts wie dem Fernseher (!!!) derartig manipulieren, dass mächtige Monopolfirmen skrupellos ihre finanziellen Interessen verfolgen können. Zwecks Machterhalt werden die dumm gehaltenen Menschenmassen unterdrückt, manipuliert, ausgebeutet. Sogar krank gemacht und krank gehalten. Diese haben nicht mal den Hauch einer Ahnung davon, welche Machenschaften in Wirklichkeit vom Network ausgehen. Ganz im Gegenteil: Sie lassen sich willfährig gegeneinander aufhetzen, besitzen eine vorsteinzeitliche Medienkompetenz und streiten sich um die paar Brotkrumen, die ihnen das System noch übrig lässt.

Die heutige Realität wird dabei so treffsicher vorhergesagt, wie es Zurück in die Zukunft gelang, 2015 vorherzusagen. Heute bestimmen nicht Fernseh-, sondern Internetproduktionsfirmen wie Netflix über Narrative und üben Einfluss auf ein weltweites Millionenpublikum aus. Dem Gesetz der Projektion folgend entspricht Netflix am ehesten dem „Network“, während die eigentliche Deutungshoheit über Informations- und Nachrichtenaustausch bei den mächtigen Onlineplattformen und Tech-Oligarchen liegt, die sich in Regierungsnähe gebracht und unersetzbar gemacht haben.

Yves Arievich, der mir in meine Zwitscher-Zeitlinie gespült wurde, fühlte sich in seiner Filmrezension offenbar ebenfalls eher an den Totalitarismus heutiger, sozialistischer Systeme erinnert. Doch bigotterweise liebt Hollywood das Feindbild des Kapitalismus. So bekommen wir sogar eine Cameo-Sequenz mit Michael Cera zu sehen. In dieser wirkt es fast so, als würde man Kommunismus als edgy, widerständig und cool darstellen wollen – nur um dann in der nächsten Szene ungeniert Werbung für Monster Energy zu machen.

Den Che-Guevara-Fahnen-Reveal Ceras kann man noch als unbeholfenen und unangenehmen Versuch verbuchen, irgendwie kantig zu sein. Doch über den Film hinweg häufen sich die ungelenken Versuche einer Gesellschaftskritik mit dem Holzhammer. Angefangen beim armen Working-Class-Couple, das so unaufhörlich hart arbeitet, dass die Frau von Ben Richards mit den Bargästen flirten muss, um irgendwie doch noch die rettende Medizin für die Tochter zahlen zu können. Richards selbst sieht sich sogar gezwungen, an der namensgebenden, tödlichen Spielshow teilzunehmen.

Dieser hat genau zwei Charaktereigenschaften: Erstens: Er ist immer wütend. Und zweitens: Er ist so ein guter Kerl, dass er sich unaufhörlich für das Gute und seine Arbeitskollegen einsetzt – was ihn schließlich sogar all seine vorherigen Jobs gekostet hat. Seine Gutherzigkeit hat sogar dazu geführt, dass er auf einer schwarzen Liste des Networks landet und bei keiner neuen Firma außerhalb der Spielshow anheuern kann.

Bereits heute ist es so, dass man in derselben Branche keinen Job mehr finden wird, wenn man sich einmal bei einem gut vernetzten oder sogar Franchise-Arbeitgeber verbrannt hat. Wenn mir The Running Man das nun als böse Zukunftsdystopie verkaufen möchte, was bereits vor zehn Jahren Realität war, wirkt der Versuch der Schwarzmalerei wenig bissig. Hier fühlt man sich an die schlechtesten Black Mirror-Episoden erinnert.

Der Aspekt, dass der Gigakonzern skrupellos seine eigenen Bürger krank macht, ist dem Film so wichtig, dass wir diesen Aspekt gleich mehrfach in ähnlicher Form präsentiert bekommen: Richards trifft noch eine weitere arme Familie in einem Ghetto, deren Tochter durch die Umweltverschmutzung eines vom Network vertuschten Kraftwerksunfalls krank wurde. Der ehemalige Gangster Bradley Throckmorton hilft Richards, obwohl er sich dadurch selbst in größte Gefahr bringt. Denn arme Menschen sind immer gut und selbstlos.
Getoppt wird dieser Kitsch nur noch von der Hintergrundgeschichte, dass Throckmorton für das Fälschen eines Bibliotheksausweises verurteilt wurde (denn das Network möchte Informationen geheim halten). Throckmorton entwickelt sogar Schadstoffmessgeräte, um die Schadstoffbelastung in der Luft messen zu können, die von den Network-Kraftwerken verursacht wird.

Eine weitere absurd-komische Szene ist die endlos lange Warteschlange vor den Anmeldeschaltern des Networks. Dort stehen sichtbar kranke und notleidende Menschen an, die in der Teilnahme an der Show ihren letzten Ausweg sehen. Ein auf Krücken gehender alter Mann bricht röchelnd und hustend zusammen. Good-Guy-Richards möchte ihm helfen und ruft Hilfe, wofür er dann schließlich von den Network-Goons elektroschockt und zusammengeknüppelt wird. Diese schreien noch „Gegenseitige Hilfe ist nicht erlaubt“ – und ich muss im Kinosessel das erste Mal laut lachen über diese abstruse Szene.

Es ist immer lästig, wenn man sich als Zuschauer für dumm verkauft fühlt. Bei The Running Man spätestens dann, wenn einzelne Aspekte nicht ein-, sondern zehnmal adressiert werden – bis auch der letzte Zuschauer das vom Film gesetzte Narrativ geschluckt und verinnerlicht hat. Doch Propaganda, die zu flach und offensichtlich daherkommt, ist keine gute Propaganda. An der Stelle muss das Network noch nachschärfen.

So bekommen wir gefühlt zehnmal eine an die „Kardashians“ angelehnte TV-Soap zu sehen, die fortlaufend eingeblendet wird und unter anderem auf den fest installierten Fernsehgeräten der Slumbürger läuft. Quintessenz dieser Show ist, dass die Protagonisten dumm sind und die Sendung inhaltsleer. Wow, wie tief. Für Dystopien, Satire und Überspitzungen gilt ebenfalls ein Grundsatz: Wenn die echte Kardashians-Serie nicht vom Ableger in The Running Man unterscheidbar ist, fehlt diesem die satirische Ebene – und sie verpufft einfach im Leeren.

Die Kardashian-Parodie „Americanos“ taucht ein letztes Mal während einer Autofahrt von Emilia Jones auf. Bevor sie Richards samt ihrem Auto entführt, singt diese freudig das Outro der Show und wird als neureiche und unreflektierte Göre eingeführt. Sie muss den Vorwurf Richards aushalten, dass ihr Schal mehr Geld wert sei als das rettende Medikament für seine Tochter. Bevor es dann doch zur großen Verbrüderung der beiden kommt, sehen wir noch zwei Hillbillies, die versuchen, Richards zu töten. Warum? Sie wollen ihr Gebiet schützen. Offenbar eine Anspielung auf trumpnahe Bürgerwehren der heutigen USA.

Doch auch visuell bietet The Running Man wenig Überraschendes. Grundsätzlich mag ich style over substance, nicht zuletzt bei meinem eigenen Blog. Denn im Sci-Fi-Genre kann eine überzeugende oder ansprechende Ästhetik über erzählerische und inhaltliche Schwächen hinwegtäuschen. Doch wenn man den Protagonisten durch die Stadt gehen sieht, dann sieht Coop City weder düster-dreckig wie in Alien aus, noch nach Hightech-Neon-Panorama mit Hologrammen und Leuchtreklamen wie in Ghost in the Shell. Die Stadt kann wenig immersiv in Szene gesetzt werden, und Teletubby-City erinnert am ehesten an eine heutige amerikanische Großstadt, in der man mittels CGI ein paar bunte Elemente wie das auf dem Dach des Network-Hauptsitzes rotierende „N“ (Nespresso?) eingefügt hat. Nur leidlich möchte das Gefühl aufkommen, man befinde sich in den USA einer fernen Zukunft. Doch die Romanvorlage spielt ebenfalls im Jahr 2025 – also doch irgendwie passend.

Zur sonstigen Cheesiness passen auch die Plastik-Gadgets, die die Bürger Coop Citys nutzen. Denn offenbar hat das Network zwar einen umfassenden Überwachungs- und Kontrollapparat samt Verfolgungs- und Explosionsdrohnen erschaffen. Die von den Bürgern Coop Citys genutzten technischen Gerätschaften hingegen sind ungefähr so handlich und praktisch wie der Kommunikator in Star Trek oder das originale Pokédex-Kinderspielzeug aus dem Jahr 1999.

Nun wird es über den Verlauf der Review etwas mühsam und kommt dem Pflücken der sprichwörtlichen niedrig hängenden Frucht gleich, wenn ich mich an jedem Aspekt eines Films abarbeite, der offensichtlich einfach nicht gut ist. Doch auch das gesamte Pacing sollte erwähnt werden. Random wird von Setpiece zu Setpiece gesprungen. Der wenige Spaß, den man mit diesem Film haben kann, besteht darin zu raten, welche hanebüchene Erklärung dem Zuschauer nun gegeben wird, um den Protagonisten von einer Hintergrundkulisse in die nächste zu schieben – um die nächste kontextlose Actionszene aufzubauen.

Gegen Ende seien noch ein paar dieser fiebertraumartigen Elemente des Films zu erwähnen: Diese eigentlich aus Direct-to-Blu-ray-Teenagerslashern bekannten, unecht wirkenden, eingeblendeten HUD-Elemente. Da ist dann noch der Hunter, der sowohl einen Mitschauer als auch mich am ehesten an eine groteske Fortnite-G.I.-Joe- oder Fetischfigur erinnerte. Der bösartige und skrupellose TV-Senderboss Killian, der so skrupellos und bösartig ist, dass einen dieser eindimensionale Charakter nur noch langweilt.

Doch bevor man als Zuschauer endlich aus diesem nicht enden wollenden Fiebertraum erwacht, sehen wir noch einmal Bradley Throckmorton. Dieser verkleidet sich als eine Art Ninja-Turtle-Donatello-und-Flavor-Flav-Kombination und stellt das Metaelement des Films dar. Throckmorton ist eine Art Nerd des Running Man-Franchises und deckt jeden Fehler in der Show auf, den das Network zu vertuschen versucht. Seine Recherchen verbreitet er ganz analog über VHS-Kassetten, und die gesamte Widerstandsgruppe scheint eine Art Anspielung auf Gruppen wie Pussy Riot zu sein. Die Widerstandsgruppe deckt durch das Auslesen des Flugschreibers auf, dass der Attentatsversuch von Richards (mal wieder) ein Fake des Networks war, um die Massen ein letztes Mal gegen ihn aufzubringen. Ich bin erleichtert. Der Abspann setzt ein.

Geschrieben von: kilianoreeves

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